[APG Public List] book in German: Hugenotten in Europa und Nordamerika

Rolgeiger at aol.com Rolgeiger at aol.com
Mon Jun 13 17:03:11 MDT 2011


Lachenicht, Susanne: Hugenotten in Europa und Nordamerika. Migration  und
Integration in der Frühen Neuzeit. Frankfurt am Main: Campus  Verlag
2010. ISBN 978-3-593-39177-9; 563 S.; EUR 54,00.

Rezensiert für  H-Soz-u-Kult von:
Ulrich Niggemann, Frühe Neuzeit, Fachbereich Geschichte  und
Kulturwissenschaften, Philipps-Universität Marburg
E-Mail:  <ulrich.niggemann at staff.uni-marburg.de>

Mit ihrer Hamburger  Habilitationsschrift legt Susanne Lachenicht eine
Vergleichsstudie zum  hugenottischen "Refuge" in Deutschland und in der
transatlantischen Welt vor.  Im Vergleich Brandenburg-Preußens mit
England, Irland und den englischen  Kolonien in Nordamerika stellt die
Verfasserin Fragen nach der staatlichen  Gestaltung und Steuerung von
Immigration sowie nach Integration,  Akkulturation und Assimilation der
Einwanderer in den ansässigen  Gesellschaften vom 16. bis an die Wende
zum 19. Jahrhundert, mithin nach  unterschiedlichen Konzepten im Umgang
mit Einwanderung und nach den  Möglichkeiten staatlicher Lenkung.

Nach einem souveränen Überblick über  die Geschichte der Hugenotten in
Frankreich geht die Autorin sinnvollerweise  zunächst auf die
Vorstellungen und Forderungen der Hugenotten selbst ein,  wobei sie an
die in der jüngeren Forschung bereits hervorgehobene Tatsache  anknüpft,
dass die Einwanderer auf die Bedingungen ihrer Aufnahme  durchaus
Einfluss nahmen und sich dieses Einflusses auch bewusst waren.  Sehr
überzeugend stellt Lachenicht die bereits seit den  ersten
Emigrationswellen französischer Protestanten etablierten  europäischen
Netzwerke dar und schildert, wie diese Netzwerke bei der  Aushandlung von
Aufnahmebedingungen genutzt wurden. Problematisch ist indes,  dass die
Hugenotten oft als recht homogen operierende Gruppe mit  weitgehend
gleichgerichteten Interessen erscheinen. Dies gilt etwa im  Hinblick auf
den vielzitierten Monarchismus, der schon seit einiger Zeit  deutlich
differenzierter gesehen wird.[1] Als diskussionswürdig erscheint  auch
die Frage nach dem Stellenwert kirchlicher und religiöser  Privilegien.
Lachenicht setzt diesen sehr hoch an und stützt sich dabei  wesentlich
auf englische Quellen, während ihre Auseinandersetzung mit  den
brandenburgischen Vorgängen oberflächlich bleibt. Zudem steht  ihre
Einschätzung in einem nicht aufgelösten Spannungsverhältnis zu den  von
ihr in Anlehnung an Klaus Webers Ergebnisse[2]  konstatierten
ökonomischen Zusammenhängen der Hugenottenmigration.

Das  Kapitel zur Immigrationspolitik verdeutlicht, dass in
Brandenburg-Preußen  Kolonien im Sinne rechtlich segregierter
Korporationen entstanden, während  sich die privilegienrechtliche
Segregation in England, Irland und Nordamerika  auf die Fremdenkirchen
beschränkte. Ganz neu ist das nicht, sondern bestätigt  lediglich
Ergebnisse der jüngeren Forschung.[3] Lachenicht stellt fest,  dass
Einwanderer in England selbst bei erfolgter Denization oder  sogar
Naturalisation nicht mit den Einheimischen gleichgestellt waren,  sondern
bis in die dritte Generation hinein schlechter gestellt blieben.  Eine
echte Gleichstellungspolitik war damit - unter  unterschiedlichen
Vorzeichen - in keinem der Vergleichsfälle gewünscht.  Interessant sind
Lachenichts Ausführungen zu einem vorübergehenden  Aufnahmestopp durch
zahlreiche Regierungen. Hier zeigt sich besonders die  auch in der
neueren Literatur gelegentlich hervorgehobene Enttäuschung  zu
hochgesteckter Erwartungen. Die Schilderung von Konflikten zwischen  der
eingesessenen Bevölkerung und den Immigranten bleibt hingegen  sehr
kursorisch und gelangt kaum über den üblichen Hinweis auf Xenophobie  und
Konkurrenzangst hinaus. Dabei argumentiert die Darstellung oft  zu
undifferenziert; so werden etwa die tiefgreifenden Gegensätze  innerhalb
der großen Londoner Zünfte in die Analyse zünftiger  Ablehnungstendenzen
nicht einbezogen. Streitigkeiten um die jurisdiktionellen  Kompetenzen
etwa im Falle Magdeburgs werden nur ganz knapp angedeutet, wobei  neuere
Literatur ignoriert und stattdessen auf das 1885 erschienene Werk  von
Eduard Muret[4] verwiesen wird (S. 183). Gerade im Hinblick auf  die
Konflikte mit Eingesessenen (S. 175) ist die unkritische  Übernahme
älterer Sichtweisen mit den von Lachenicht selbst  beschriebenen
hagiographischen Tendenzen hochproblematisch. Positiv  hervorzuheben ist
hingegen, dass die Verfasserin die  hugenottischen
Erwähltheitsvorstellungen und die daraus oftmals  resultierenden
Überlegenheitsgefühle in ihre Untersuchung  einbezieht.

Auf einige kleinere Versehen sei zumindest am Rande  hingewiesen: Martin
Bucer konnte, anders als Lachenicht behauptet (S. 47),  beim
Regierungsantritt Maria Tudors (1553) nicht mit Johannes à Lasco  ins
Exil gehen, da er bereits 1551 gestorben war. Ebenso war Karl II.  im
Sommer 1685 bereits tot und konnte somit nicht mehr das Parlament  zur
Verabschiedung einer Naturalisation Act drängen (S. 113), und das  von
Jakob II. kurz nach seiner Thronbesteigung einberufene Parlament  wurde
auch nicht im unmittelbaren Kontext der Rebellion des Herzogs  von
Monmouth (Sommer 1685) aufgelöst (ebd.), sondern (nach Vertagungen)  erst
im Juli 1687. Die 1689 verabschiedete Toleration Act wurde  keineswegs
1718 widerrufen (S. 116), vielmehr ging es um den Widerruf der von  der
Tory-Regierung 1711 und 1714 erlassenen restriktiven  Gesetzgebung,
mithin also um das genaue Gegenteil.

Weitaus schwerer  als diese kleineren Ungenauigkeiten wiegt freilich die
Tatsache, dass die  größeren Zusammenhänge, in die die
Immigrationspolitik einzubetten ist,  bisweilen aus dem Blick geraten.
Dies gilt nicht nur für den  merkantilistischen Diskurs, der zweifellos
die Aufnahme von Immigranten in  den untersuchten Territorien wesentlich
prägte, der aber nicht explizit in  die Analyse einbezogen wird, sondern
auch im Hinblick auf die politische Lage  in Europa. Lachenicht betont
sehr stark, dass das Potsdamer Edikt sich  ausdrücklich an die Hugenotten
richtete, während die englischen bzw. irischen  Ansiedlungspatente mit
Ausnahme der Deklaration Wilhelms und Marias von 1689  sich an
protestantische Einwanderer insgesamt gerichtet hätten (S. 170,  202f.
u.ö.). Dies ist nicht überraschend, wenn man sich die  Bündnispolitik
anschaut: Während Karl II. und Jakob II. kein Interesse daran  haben
konnten, Ludwig XIV. zu brüskieren, können die Erklärungen und  Edikte
Wilhelms III. und der brandenburgischen Kurfürsten als  dezidierte
politische Stellungnahmen gegen Frankreich gelesen werden. Dieser  Aspekt
wird hier eindeutig unterschätzt.

Weitaus überzeugender ist das  dritte Kapitel, in dem Lachenicht vor
allem anhand von Heiratsregistern und  der Sprachentwicklung die
Akkulturations- und Assimilationsprozesse  untersucht. Das ist für
Brandenburg teilweise schon von François David,  Manuela Böhm und anderen
geleistet worden[5], wird hier jedoch im Vergleich  mit England und den
zur englischen Krone gehörenden Territorien fortgeführt.  Dabei zeigen
sich Auflösungserscheinungen gerade der kleineren Gemeinden  schon im
Laufe des 18. Jahrhunderts, während die größeren Gemeinden, etwa  in
Berlin, London oder New York, sich bis heute halten konnten.  Zugleich
lassen sich in unterschiedlichem Umfang Prozesse der  partiellen
Anpassung feststellen, wobei in England, Irland und Nordamerika  zwischen
den non-konformen, mehr oder minder bei der  französisch-reformierten
Kirchendisziplin verharrenden und den konformen, das  heißt den äußerlich
an die Anglikanische Liturgie angepassten Gemeinden zu  unterscheiden
ist. Lachenicht weist auch bei den konformen Gemeinden ein  partielles
Festhalten an französisch-reformierten Formen und damit eine  deutliche
Hybridität nach, ein Punkt, der sicher stärker in die weitere  Diskussion
einzubeziehen sein wird.

Am Ende steht ein mit "Epilog"  überschriebenes, aber durchaus
vollwertiges Kapitel, das einerseits  Ausführungen zur Erinnerungskultur
und Mythenbildung, andererseits einen  Ausblick auf die aktuellen Fragen
erfolgreicher Immigrations- und  Integrationsmodelle enthält.

Zu den wichtigsten Ergebnissen der Studie  gehört, dass der Autorin
zufolge die Hugenotten in allen untersuchten  Aufnahmeländern
gleichermaßen eine "Nation" bildeten, die sich durch eine  spezifisch
französisch-kalvinistische Diasporaidentität auszeichnete und sich  in
allen Fällen bis ins 19. Jahrhundert halten konnte.  In
Brandenburg-Preußen trug insbesondere die auf Segregation und  Bewahrung
von Diversität gerichtete Privilegienpolitik zu einer solchen  distinkten
Nationsbildung bei, doch auch in England bewirkten die  kirchliche
Sonderexistenz und die faktische Schlechterstellung der  Einwanderer und
ihrer Nachfahren die Bewahrung distinkter Identitäten. Dabei  beobachtet
Lachenicht in unterschiedlichem Ausmaß Kreolisierungsprozesse, die  zu
hybriden Identitäten führten, die gerade den Wesenszug der  Diaspora
ausmachten. Konformitätsdruck, wie er insbesondere in England  bestand,
förderte die Ausbildung hybrider Identitäten weiter. Im Gegensatz  zu
älteren Forschungsergebnissen, wie sie etwa von Myriam  Yardeni
formuliert wurden, stellt die Verfasserin fest, dass die  Integrations-
und Assimilierungsprozesse in allen untersuchten Territorien  etwa gleich
lange dauerten. Durchaus in Anlehnung an neuere Tendenzen der  Forschung
drückt auch Lachenicht ihre Skepsis gegenüber der Vorstellung  einer
besonders erfolgreichen und schnellen Integration und Assimilierung  der
Hugenotten in den jeweiligen Gastgesellschaften aus und fragt vor  diesem
Hintergrund nach dem Nutzen von Assimilierungskonzepten für die  moderne
Migrationsproblematik. Freilich berücksichtigt sie bei  dieser
Übertragung von Forschungsergebnissen zur Frühen Neuzeit auf  moderne
Fragestellungen nicht die Unterschiedlichkeit der  Gesellschaftsmodelle.

Insgesamt legt Lachenicht eine Studie vor, die vor  allem im Bereich der
mittel- und langfristigen Integrations- und  Assimilationsprozesse neue
Erkenntnisse bringt und deren Wert in der  vergleichenden Perspektive
liegt.

Anmerkungen:
[1] Klaus Malettke,  Hugenotten und monarchischer Absolutismus in
Frankreich, in: Francia 15  (1987), S. 299-319.
[2] Klaus Weber, Deutsche Kaufleute im Atlantikhandel  1680-1830.
Unternehmen und Familien in Hamburg, Cádiz und Bordeaux, München  2004,
S. 240ff.
[3] Vgl. Barbara Dölemeyer, Die Aufnahmeprivilegien für  Hugenotten im
europäischen Refuge, in: dies. / Heinz Mohnhaupt (Hrsg.), Das  Privileg
im europäischen Vergleich, Frankfurt am Main 1997, S. 303-328, hier  S.
324, 326; Ulrich Niggemann, Immigrationspolitik zwischen Konflikt  und
Konsens. Die Hugenottenansiedlung in Deutschland und  England
(1681-1697), Köln 2008, z.B. S. 113.
[4] Eduard Muret, Geschichte  der Französischen Kolonie in
Brandenburg-Preußen, unter besonderer  Berücksichtigung der Berliner
Gemeinde, Berlin 1885.
[5] François David,  Les colonies des réfugiés protestants français en
Brandebourg-Prusse  (1685-1809): Institutions, géographie et évolution de
leur peuplement, in:  Bulletin de la Société de l'Histoire du
Protestantisme Français 140 (1994),  S. 111-142; Manuela Böhm,
Sprachenwechsel. Akkulturation und Mehrsprachigkeit  der Brandenburger
Hugenotten vom 17. bis 19. Jahrhundert, Berlin  2010.


Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Stefan  Gorißen <stefan.gorissen at uni-bielefeld.de>

URL zur Zitation dieses  Beitrages
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-205>
-------------- next part --------------
An HTML attachment was scrubbed...
URL: <../attachments/20110613/a02fbb95/attachment.htm>


More information about the APGPublicList mailing list